MIGRÄNEVORBEUGUNG 

Bei der Erstbefragung von Migränepatienten geben diese häufig an, daß bei ihnen in der Vergangenheit bereits Versuche zur Migränevorbeugung unternommen wurden. Bei genauer Nachfrage stellt sich aber dann sehr oft heraus, daß die Migränevorbeugung nicht konsequent angegangen wurde (z.B. Austestung der verschiedenen Medikamente), oder die Medikamente (insbes. Beta-Blocker) wurden nicht hoch genug dosiert.
Wird eine Migränevorbeugung fachgerecht durchgeführt wird, was natürlich auch Geduld vom Patient, aber auch vom behandelnden Arzt erfordert, liegt die Erfolgsquote bei über 80% !

Nicht immer sind die Patienten bereit, auch im schmerzfreien Intervall konsequent Medikamente einzunehmen, so daß oftmals eine ausführliche Aufklärung erforderlich ist. 
Eine Migränevorbeugung sollte nur dann erfolgen, wenn die Migräneattacken mindestens zwei mal pro Monat auftreten. Nach Göbel und Soyka (1994) ist die Indikation auch gegeben, wenn im bisherigen Verlauf mindestens zweimal ein Status mi
g raenosus (= 72 Stunden und länger anhaltender Migränean fall), eine prolongierte (= verlängerte) Aura* oder einmalig ein mig ränöser Infarkt (= Gewebszerstörung in bestimmten Hirnbereichen infolge von Sauerstoffmangel) aufgetreten sind.

Als Mittel der ersten Wahl zur Migränevorbeugung gelten Beta-Rezeptorenblocker (= eigentlich Blutdruckmittel, die aber auch gegen Migräne wirken).  
Allerdings eignen sich nicht alle Substanzen aus dieser Gruppe zu einer Migränevorbeugung. Relativ sicher wirken Propanolol und Metoprolol (Diener 1989); beide Substanzen werden langsam einschleichend dosiert. Die tägliche Höchstdosierung für Metoprolol (z.B. Beloc®) beträgt 200mg, für Propanolol (z.B. Dociton®) 240mg. 
Bei Ausbildung nicht tolerierbarer orthostatischer
(= den Kreislauf betreffende) Störungen oder einer Bradykardie (= zu langsamer Puls) muß die Behandlung abgebrochen werden (ausschleichend). 
In der Einschleichphase müssen daher regelmäßige Puls- und Blutdruckkontrollen durchgeführt werden.
Die Wirkungsweise der Beta-Blocker in Bezug auf den Migränekopfschmerz ist noch nicht sicher bekannt.

Zur Migränevorbeugung eignen sich auch Kalzium-Antagonisten (= ein Mittel das der Wirkung von Kalzium entgegenwirkt). Flunarizin (Sibelium®) sollte aufgrund einer Bewertung durch das Bundesgesundheitsamt nur bei Patienten eingesetzt werden, die unter häufigen und schweren Mig räneanfällen leiden und bei denen eine Behandlung mit Beta-Blockern kontraindiziert (= gegenangezeigt) ist bzw. keine ausreichende Wirkung gezeigt hat. Nach einer Studie hat sich Cyclandelat (Natil®) zur Prophy laxe nicht bewährt.

Eine weitere Migränevorbeugung (3. Wahl) besteht in der Verabreichung von Serotonin-Antagonisten (= Mittel, die dem Gewebshormon Serotonin entgegenwirken).
Pizotifen (Sandomigran®) hat einen hemmenden Effekt auf die Serotonin-Freisetzung im Anfangsstadium der M igräne. Lisurid (Cuvalit®), ein Ergotamin -Derivat, ist ein Serotonin -Partialantagonist. Die Tagesdosis beträgt 0,075 mg. Im Gegensatz zu anderen Autoren (Soyka 1989) wird diese Substanz bei uns kaum verwendet, da bisherige Therapieversuche nicht überzeugt haben.

Zur Prophy laxe der Kopfschmerzen bei der sog. menstruellen (= regelbedingten) Migräne soll Sulpirid (Dogmatil®) hilfreich sein (Thoden 1986). Göbel und Soyka (1994) empfehlen eine "Kurzzeitprophylaxe" mit 250-500 mg Naproxen, vier Tage vor der erwarteten Regel bis drei Tage danach.

Das Derivat der Lysergsäure, Dihydroergotamin (Hydergin®) ist zur Migränevorbeugung umstritten. So wird es z.B. in anglo-amerikanischen Ländern dafür nicht verwendet.

Zur M igräneproph ylaxe (= Migränevorbeugung) ist in Deutschland auch das Antiepileptikum Topiramat (Topamax® ) zugelassen. Dieses Medikament sollte aber nur bei Erwachsenen angewendet werden und nur dann, wenn eine Therapie mit Betablockern nicht indiziert (= angezeigt) ist, zuvor nicht erfolgreich war oder nicht vertragen wurde. 

Andere Maßnahmen zur Migränevorbeugung:

Wenn die Anfälle gehäuft (z.B. mehrmals pro Woche) auftreten und andere vorbeugende Medikamente (z.B. Beta-Blocker) nicht greifen, ist nach unserer Erfahrung beim Mig ränekopfschmerz auch die therapeutische Lokalanästhesie (= Behandlung mit einem örtlichen Betäubungsmittel bzw. Lokalanästhetika) lohnend, besonders wenn sie über 2-3 Wochen unter stationären Bedingungen 2x täglich konsequent durchgeführt wird (Leser et Hefermann, Schmerzkl inik Bad Mergen theim 1990). Dabei betäuben wir, wie zur Akutbehandlung schon beschrieben, die das Kranium (= den knöchernen Schädel) versorgenden Nerven an ihren Austrittspunkten. Ergänzt wird die Behandlung durch tiefe Infiltration der oft verspannten, an die Halswirbelsäule angrenzende Muskulatur
Die Wirkungsweise dieser Therapie ist bei Migränekopfschmerzen nicht geklärt, vermutlich kommt es zu einer tiefgreifenden neurovegetativen Umstimmung. 
Diese Wirkungsvorstellung ähnelt sehr dem neuraltherapeutischen Konzept, allerdings mit dem Unterschied, daß statt Procain das langwirkende örtliche Betäubungsmittel Bupivacain verwendet wird.

Ergänzende Methoden zur Migränevorbeugung:
Meist werden die folgenden Methoden ergänzend eingesetzt, d.h. als Monotherapie
(= alleinige Behandlung) ist die Wirkung zur Migränevorbeugung in der Regel nicht ausreichend.
Eine der klassischen Indikationen für die Akupunktur sind Kopfschmerzen. Zur Behandlung des Migränekopfschmerzes dominieren Nadelpunkte auf dem Gallenblasen-Meridian, so z.B. die Punkte 3, 17, 40 und 43, zusätzlich das Lenkergefäß 25 in der Mitte der Nasenwurzel (Kossmann et al. 1986). Es sei darauf hingewiesen, daß auch für die Behandlung der Migräne mit Schmerzakupunktur (noch) keine wissenschaftlich exakten Ergebnisnachweise vorliegen.
Bei vielen Migränepatienten fällt auf, daß auch im schmerzfreien Intervall die an die
Halswir belsäule angrenzende Mus kulatur, teilweise auch die Schulter muskulatur verspannt ist. In diesen Fällen hat sich zur Migränevorbeugung die Verordnung von physikalischen Therapiemaßnahmen (z.B. Fango, Kältebehandlung) und Krankengymnastik als ergänzende Behandlung bewährt. Manchmal kann auch durch eine manuelle Lymphdrainage im Kopf - / Halsbereich eine vorbeugende Wirkung erzielt werden. 
Zu erwähnen wäre bei Migräne auch die Hydrotherapie in Form von Wechselbädern der Extremitäten (= Beine und Arme) und/ oder Kneippschen Güssen. Wahrscheinlich beruht der oft zu beobachtende positive Effekt auf einer neurovegetativen Umstimmung im Sinne eines ganzheitlichen Behandlungsansatzes.
Bewährt hat sich zur Migränevorbeugung auch Biofeedback
(= Registrierung und Rückmeldung bioelektrischer Signale).
Auch psychologischen Interventionen können eine Migränevorbeugung bewirken: hauptsächlich Entspannungstechniken, Stress- und Schmerzbewältigungstraining.

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* Als typische Anfangssymptome einer Migräne (Aura) gelten Sehstörungen, (halbseitige) sensible und motorische (= Bewegungs-) Störungen sowie Dysphasie (= Sprachausdrucksstörungen). Die Krankheitszeichen entwickeln sich i.d.R. über einen Zeitraum von fünf bis 30 Minuten und klingen innerhalb einer Stunde wieder völlig ab.

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Aktualisiert: 20.05.2006
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